10 Tage Tanzen: Workshops und Performances bei der TANZWERKSTATT EUROPA

München (ots) –

„Why do we dance?“ – eine virulente Frage, deren Tragweite uns die Corona-Pandemie auf besondere Weise bewusst gemacht hat. Was lässt uns tanzen? Was haben wir, was haben unsere Körper davon? Welche Bedeutung haben zeitgenössischer Tanz und die performative Praxis für unser soziales Miteinander?

Seit über 30 Jahren bietet die TANZWERKSTATT EUROPA (TWE) einen Raum, diese Fragen gemeinsam zu erforschen – praktisch, theoretisch und vor allem: im lebendigen Dialog. Auch in diesem Jahr lädt JOINT ADVENTURES – Walter Heun gemeinsam mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München wieder zu einem Fest des Tanzes ein. Vom 2. – 12. August können Tanzprofis und begeisterte Laien 10 Tage lang in zeitgenössische Tanztechniken eintauchen, choreografisches Repertoire erlernen, eigenes Material entwickeln oder sich mit Yoga und Feldenkrais etwas Gutes tun.

Darüber hinaus stellen international renommierte Künstler*innen ihre Arbeiten vor und zeigen beispielhaft, wie Tanz zu einem Ausgangspunkt für einen Dialog über gesellschaftliche Realitäten und Möglichkeiten des Zusammenlebens werden kann. Hierzu gehören in diesem Jahr Jonathan Burrows und Matteo Fargion, Frédérick Gravel, Synda Jebali, Joe Moran, Salma Salem, Isabelle Schad, Noé Soulier, Alexander Vantournhout und Louise Vanneste. Im Rahmen der Open Stage „Who’s next?“ erhalten sechs ausgewählte Newcomer*innen die Chance, ihre Arbeiten dem Publikum zu präsentieren.

Über die gesamte Festivaldauer laden Physical Introductions und Publikumsgespräche dazu ein, sich intensiv mit den Performances auseinanderzusetzen und darüber mit den verantwortlichen Künstler*innen in Austausch zu kommen. Ein Highlight im Rahmenprogramm bildet der künstlerisch-theoretische Erlebnisparcours „And the beat goes on …“ in der Zwischennutzung Fluffy Clouds. Neben einer Outdoor-Performance der norwegischen Künstlerin Roza Moshtaghi auf einem Trampolin hält der international renommierte und ausgezeichnete Tanzpsychologe Dr. Peter Lovatt, der bereits Keynotes mit Barack Obama und Oprah Winfrey durchführte, einen Vortrag. In weiteren Lectures, künstlerischen Interventionen und kostenfreien Schnupper-Workshops dreht sich einen Nachmittag lang alles um die Frage, wie zeitgenössischer Tanz und somatische Praktiken uns als (Über-) Lebens-Strategien dienen können.

Zum dritten Mal infolge kann in der Woche vor der TWE das durch den Dachverband Tanz und den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz geförderte Akademie-Camp SOLID GROUND – CHALLENGING SPACE stattfinden. Hier treffen Studierende namhafter Ausbildungsinstitute in ganz Europa auf internationale Expert*innen. In Trainings, Lectures und choreografischen Labs erhalten sie Einblicke in aktuelle künstlerische Entwicklungen und Produktionszusammenhänge und erwerben grundlegendes Praxiswissen darüber, wie sich künstlerische Prozesse planen lassen, wie sie Fördermittel akquirieren und Gastspiele organisieren können. Zu den Dozent*innen gehören in diesem Jahr Gie Baguet, Lene Bang Henningsen, Daniela Bendini, Quim Bigas, Roberto Casarotto, Marie Fol, Ian Kaler, Charlie Morrissey, Jordi Ribot, Virginie Roy und Isabelle Schad.

Performances

Das Performance-Programm in der Muffathalle und im Schwere Reiter verspricht ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Noé Soulier, Leiter des Centre national de danse contemporaine in Angers, war seit 2014 als Künstler und Dozent alle zwei Jahre in München zu Gast. Zur diesjährigen TWE steuert er die Eröffnungspremiere bei. Die ortsspezifische Performance „Passages“, die eigens für die Muffathalle eingerichtet wird, und die filmische Arbeit „Fragments“ erforschen aus unterschiedlichen Perspektiven das Konzept des Raumes und werden am 2. August erstmals zusammen an einem Abend gezeigt. Einen noch längeren Weg der gemeinsamen künstlerischen Recherche verbindet die TWE mit Jonathan Burrows, der zu den Protagonisten des zeitgenössischen Tanzes in Großbritannien zählt. In dem Doppelabend „Rewriting & Science Fiction“ performt er zusammen mit dem Musiker Matteo Fargion und legt dabei unvollendete Gedanken und Materialien offen, die sich in ihrer über 30-jährigen Zusammenarbeit angesammelt haben. Der kanadische Choreograf und Performer Frédérick Gravel geht in seinem Solo „Fear and Greed“ auf Konfrontationskurs: „Ich habe drei Probleme: den Kapitalismus, das Patriarchat und warum die Kunst es nicht schafft, uns zu uns zu retten.“ Angefeuert von einer Rockband um Philippe Brault unterzieht sich Gravel einer schonungslosen Selbsttherapie, die in dem aufrichtigen Versuch, sich wieder mit der Welt zu versöhnen, kulminiert. Louise Vannestes „Earths“ hingegen lädt zum aufmerksamen Zuhören ein. In einer Landschaft aus duftendem Moos entspinnt sie intime fiktionale Geschichten, die durch die vier Performerinnen physisch greifbar werden. Ihre spezifische Körpersprache ist befreit vom Willen der Konstruktion und stimuliert stattdessen die sinnliche und intuitive Wahrnehmung der Zuschauer*innen.

Isabelle Schad, die 2019 für herausragende künstlerische Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz mit dem Deutschen Tanzpreis geehrt wurde, zeigt zwei Soli und ein Duett. „FUR, Turning Solo 2, Rotations“ sind sehr persönliche Portraits der Performerinnen und laden ein, in einen Prozess der Zeitlosigkeit, Nähe und Kontemplation einzutauchen. Zwei starke künstlerische Positionen weiblicher Nachwuchschoreografinnen vereint der Doppelabend am 10. August im Schwere Reiter. In „Anchoring“ erforscht Salma Salem den Körper als Subjekt politischer Macht. Im Mittelpunkt steht die Gebärmutter mit ihrer Fähigkeit auszuhalten, aufzunehmen, zu erschaffen und zu wachsen. „I/S In Search“ bildet den zweiten Teil des Abends, ein sich ständig weiterentwickelndes ästhetisches Protokoll aus Tanz, Musik, Video, Schrift. Die Künstlerin und Performerin von Synda Jebali setzt sich darin mit dem Körper als Erinnerungsraum und Ort zur Konstruktion von Identitäten auseinander und lädt ihr Publikum zur aktiven Teilnahme an dem Prozess ein.

Politisch wird es auch bei „Arrangement“ des britisch-irischen Choreografen Joe Moran. In seiner vielschichtigen Choreografie stellen sechs Tänzer die Konzepte von Geschlecht und Männlichkeit infrage, unterhalten, provozieren und bewegen. In „Through the Grapevine“ versuchen zwei Männer ihre beiden Körper in einem virtuousen Pas de Deux immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Synergie, die sich aus dem Berühren und Berührtwerden entfaltet, bildet den roten Faden in der Choreografie von Alexander Vantournhout, die sich zwischen zeitgenössischem Tanz und Nouveau Cirque verortet.

Detaillierte Informationen und Termine unter www.jointadventures.net. Tickets über München Ticket: +49 89 54 818181 und www.muenchenticket.de sowie an allen bekannten VVK-Stellen.

Workshops

Contemporary Dance & Repertoire-Klassen

Zu der hochkarätigen Besetzung des Workshop-Programms gehören in diesem Jahr Sandra Marín Garcia, Zoran Markovic und Patrick Williams Seebacher, die in ihren Repertoire-Klassen das Bewegungsmaterial aus Stücken namhafter Choreograf*innen einstudieren. Auf dem Programm stehen das Vokabular der Kanadierin Crystal Pite und ihrer Kompanie Kidd Pivot, Johan Ingers Publikumslieblinge „Carmen“ und „Peer Gynt“ sowie die Arbeit „Fractus V“ des belgischen Ausnahme-Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui. Patrick Williams Seebacher – in der urbanen Tanzszene besser bekannt als TwoFace – bietet einen zweiten Kurs an, der sich an all diejenigen richtet, die sich auf einen intensiven Trip in die Grundlagen der verschiedenen Urban Dance Styles wie Hip-Hop, Popping, Waving, Tutting und Animation begeben möchten.

Die Freude an der Praxis des zeitgenössischen Tanzes versprühen Virginie Roy, Esther Balfe sowie die in München beheimateten Choreograf*innen Ceren Oran – jüngst mit dem Förderpreis der Stadt München ausgezeichnet – und Stephan Herwig. Herwigs Kurs ist speziell auf die Generationen 50+ zugeschnitten und erkundet die eigene Körperlichkeit und kreative Potenziale.

Intensives & Choreografische Labs

In Intensives können professionelle Tänzer*innen, Performer*innen und Studierende wertvolle Einblicke in die künstlerische Praxis von Joe Moran, Omar Rajeh und Louise Vanneste. gewinnen. Alexander Vantournhout, der an der Schnittstelle zwischen zeitgenössischem Zirkus und Tanz arbeitet, und Luke Jessop, langjähriger Tänzer bei Wim Vandekeybus/ Ultima Vez, widmen sich unterschiedlichen Techniken des Partnerings. Anlässlich des 50. Geburtstags der Contact Improvisation bietet die TWE einen Workshop mit Juri Konjar sowie einen „Contact Improvisation Jam“ für alle Levels an. Tanz, Austausch, Spiel, Forschung, Verantwortung und Risiko bilden die Leitthemen für den Jam im Schwere Reiter, der von dem Musiker Walter Weh live begleitet wird. Mit der Münchner Tänzerin und Choreografin Kassandra Wedel können hörende und gehörlose Teilnehmer*innen Tanz durch Gebärdensprache erforschen, improvisieren und schließlich gemeinsam eine Choreografie entwickeln.

Bodywork

Die Bodywork-Kurse der TWE dienen dazu, sich etwas Gutes zu tun, falsche Bewegungsmuster aufzulösen, dadurch Schmerzfreiheit zu erlangen und das eigene Bewegungsspektrum zu erweitern. Esther Balfe ist zertifizierte Yoga-Lehrerin und bringt Interessierten mit und ohne Vorkenntnisse den Hatha-Yoga Ansatz nahe, von dem sie bereits als Tänzerin bei William Forsythe profitierte. Bei Veronica Fischer und dem Wiener Experten Sascha Krausneker können sich Laien und Profis in verschiedenen Kursen mit der Feldenkrais-Methode vertraut machen. Feldenkrais leitet dazu an, den Körper von innen heraus zu verstehen und ihn dynamisch und auf den individuellen Alltag abgestimmt zu organisieren.

Audio Description Training

Im Kontext einer künstlerischen Diversitätspraxis gewinnt die Audiodeskription zunehmend an Bedeutung, sodass mehr und mehr Vorstellungen sehbehinderten und blinden Zuschauer*innen zugänglich gemacht werden können. Auch dieses Jahr bietet die TWE wieder einen Workshop mit Jess Curtis und Gerald Pirner an. Er wird mit einer „Practical Experience“ kombiniert, bei der das Potenzial der Audiodeskription im Rahmen der Vorstellung von Frédérick Gravels „Fear and Greed“ am 11. August ästhetisch und praktisch erforscht und angewendet wird.

Detaillierte Informationen, Termine und Anmeldung unter www.jointadventures.net. Für Kurzentschlossene bietet die TWE am 1. August jeweils von 17.00 – 18.00 Uhr zu den Kursen „Just Dance“ von Ceren Oran, „Yielding“ von Virginie Roy und „Urban Styles & Techniques“ von Patrick Williams Seebacher kostenfreie Schnupperworkshops an.

Veranstalter Joint Adventures

Förderer Kulturreferat der Landeshauptstadt München; Bayerischer Landesverband für zeitgenössischen Tanz aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst; Bezirk Oberbayern; NATIONALES PERFORMANCE NETZ Gastspielförderung Tanz, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, sowie den Kultur- und Kunstministerien der Länder, Goethe-Institut

Partner*innen Muffatwerk, Schwere Reiter, Iwanson Contemporary Dance, Tanztendenz München, Fluffy Clouds

Pressekontakt:
Janett Metzger
+49 89 189 31 37 50
[email protected]://www.jointadventures.net/service/presse/
Original-Content von: JOINT ADVENTURES, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots

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