Besatzungskinder als „nationaler Schatz“

Baden-Baden (ots) –

„Frankreichs deutsche Kinder“ am 14. März im Ersten

45-minütige Doku über einen historischen Skandal der Nachkriegszeit / Kinder französischer Besatzungssoldaten wurden zum Spielball der Politik / Für 90 Tage in der ARD Mediathek

Marie José und Claudine sind zwei von vielen Besatzungskindern, die in Deutschland nach 1945 geboren wurden und deren Vater Soldat in der französischen Armee war. Briten, Amerikaner und Russen betrachteten Besatzungskinder als Privatangelegenheit der Deutschen. Nicht jedoch die Franzosen. Die Dokumentation „Frankreichs deutsche Kinder“ von Anja Unger und Renaud Lavergne begleitet Claudine und Marie-José bei ihrem Versuch, ihre Herkunft zu entschlüsseln, und deckt dabei einen historischen Skandal der frühen Nachkriegszeit auf. Sendung am 14. März um 23:35 Uhr, ab Sendedatum für 90 Tage in der ARD Mediathek (https://www.ardmediathek.de/). (Der Film wurde in einer 52-minütigen Fassung am 18. Januar auf ARTE erstausgestrahlt)

Auf der Suche nach der eigenen Herkunft

Claudine und Marie-José sind Adoptivkinder. Obwohl in Deutschland geboren, sprechen beide kein Deutsch. Sie wurden in frühen Jahren auf die andere Rheinseite gebracht, sind in Frankreich aufgewachsen. Beide kamen 1946 als Kinder deutscher Mütter und französischer Besatzungssoldaten zur Welt – Claudine in Freiburg, Marie-José im pfälzischen Herxheim. Damals hieß Claudine Margarete, Marie José wurde auf den Namen Maria-Lydia getauft. „Wenn meine Adoptivmutter mich gut behandelt hätte, dann hätte ich vielleicht nie nach meinen Wurzeln gesucht“, äußert sich Marie-José gleich zu Beginn der SWR Dokumentation.

„Nationaler Schatz“…

Marie José und Claudine teilen das Schicksal vieler Besatzungskinder, die in Deutschland nach 1945 geboren wurden und deren Vater Soldat in der französischen Armee war. Briten, Amerikaner und Russen betrachten Besatzungskinder als Privatangelegenheit der Deutschen. Nicht jedoch die Franzosen: Französische Politiker und Bevölkerungsexperten sehen in den Kindern einen „nationalen Schatz“, der heimgeholt werden muss. Seit Jahrzehnten stagnierte die Bevölkerung in Frankreich, das Land war nach zwei Weltkriegen ausgeblutet. „Kann Frankreich es sich leisten, tausende, zehntausende von Kindern französischer Väter und ausländischer Frauen in Deutschland zu lassen? Die Antwort der Bevölkerungsspezialisten ist Nein. Frankreich muss sich diese Kinder holen, sie haben französisches Blut und sie sind jung, d.h. ‚formbar'“, erklärt der französische Historiker Yves Denéchère. Auf höchster Ebene wird ein ehrgeiziges grenzübergreifendes Adoptionsprogramm aufgelegt. Sogenannte Recherche-Offiziere suchen die Wöchnerinnen auf und bemühen sich mit Nachdruck, die Mütter zur Abgabe der Kinder zu bewegen. Viele Frauen willigen ein, denn ihre Lage ist meist prekär. Ein uneheliches Kind mit dem ehemaligen Feind zu haben, gilt in Familie und Nachbarschaft als Schande.

…aber nicht alle sind wertvoll

Die abgegebenen Kinder kommen in Heime wie das im badischen Nordrach, das ab Juli 1947 zur wichtigsten Kindersammelstelle in der französischen Zone wird. Die Leiterin der Einrichtung im Schwarzwald hat eigene Vorstellungen davon, welche Kinder sich für die Adoption eignen. „Sie hat sich klar gemacht, ein Franzose, ein guter Franzose, der uns in Zukunft hilft, Frankreich wieder aufzubauen, Frankreich groß zu machen, das kann nur jemand sein, der auch genetisch gut ist“, so der Historiker Rainer Gries. Somit kommt es zu einem Selektionsprozess, bei dem kranke und behinderte Kinder als „nicht französisch“ abgelehnt werden. Kinder, die als geeignet gelten, werden aufgepäppelt, nach Frankreich gebracht und an ihre neuen Adoptiveltern übergeben. Vor diesem letzten Schritt werden fast alle Hinweise auf ihre deutsche Herkunft bewusst getilgt. Für Claudine wurden Kinder wie sie zum Spielball der deutsch-französischen Politik.

Biografie als Puzzle

Der Elsässer Fernand Rumpler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Kindern bei der Suche nach ihrer Herkunft zu helfen, fasst deren Trauma so zusammen: „Diese Kinder grübeln, sie wollen die Wahrheit wissen. Anders gesagt: diese Kinder leiden.“ Mit der Gründung der Bundesrepublik kommt das Adoptionsprogramm allmählich zum Erliegen, Frankreich fürchtet zunehmend um den außenpolitischen Schaden, den es anrichten könnte. Um sämtliche Spuren zu verwischen, fordert Frankreich Anfang der 1950er Jahre alle Akten aus den deutschen Ämtern an. Auch deshalb haben Betroffene kaum eine Chance, die verschiedenen Teile ihrer Biografie zusammenzufügen. Für Claudine ist eines ganz klar: „Sowohl die Deutschen als auch die Franzosen tragen hier Verantwortung!“ Sie hat inzwischen ihren inneren Frieden gefunden – auch dank des Vereins „Herzen ohne Grenzen“.

Sendung am 14. März um 23:35 Uhr, ab Sendedatum für 90 Tage in der ARD Mediathek (https://www.ardmediathek.de/). (Die Sendung wurde am 18. Januar auf ARTE erstausgestrahlt)

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Quelle: ots

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