Das MARKK eröffnet Sonderausstellung „Blitzsymbol & Schlangentanz. Aby Warburg und die Pueblo-Kunst“

Hamburg (ots) –

Die Symbole des Blitzes und der Schlange, auf die er durch seine Auseinandersetzung mit der Pueblo-Kunst stieß, inspirierten Aby Warburgs Denken und führten zu seinen bahnbrechenden Ansätzen einer kulturübergreifenden Kunstgeschichte. Die gesamte Sammlung, die der Kunst- und Kulturwissenschaftler unter anderem zum Beleg seiner Studien anlegte, wird nun erstmals in einer Ausstellung gezeigt: Mit Blitzsymbol & Schlangentanz nimmt das Hamburger Museum am Rothenbaum (MARKK) Warburgs Reise 1895/96 durch den Südwesten der USA in den Fokus und seine Begegnung mit den dortigen Pueblo-Gesellschaften, die er 30 Jahre später in seinem berühmten Vortrag zum „Schlangenritual“ verarbeitete. Die symbolkräftigen Gegenstände, die er dort sammelte sind lange in Vergessenheit geraten. Sie umfassen kunstvolle Keramiken, zeremonielle Tanzausstattung bis hin zu beeindruckenden Katsina-Figuren. Die Ausstellung untersucht ihre kulturelle Bedeutung, wirft ein kritisches Licht auf ihre Erwerbsgeschichte und bezieht heutige künstlerische Positionen der Pueblo-Gesellschaften ein. Dabei geht es auch um die Frage wie mit kulturell sensiblen Inhalten respektvoll umgegangen werden kann.

Bereits vor Warburgs Reise waren die religiösen Tänze der Pueblo und insbesondere die als „Schlangentanz“ oder „Schlangenritual“ bekannt gewordene Zeremonie der Hopi zu einem touristischen Highlight für ein weißes Publikum geworden. Warburg hat die Zeremonie, bei der lebende Giftschlangen rituell geweiht werden, nie selbst gesehen. Dennoch diente sie ihm 1923 als Ausgangspunkt für einen wissenschaftlichen Vortrag, der die Schlange bezugnehmend auf Werke der europäischen Kunstgeschichte als universelles Symbol menschlicher Furchtbewältigung deutete. Warburgs innovativer Kulturvergleich, seine Überschreitung der Fachgrenzen und transkulturelle Herangehensweise sind bis heute wegweisend. Anderseits blieb Warburg den Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts und dem damit verbundenen Gedankengut von europäischer Überlegenheit verhaftet. Sein Verhalten als teilweise aufdringlicher Reisender und Wissenschaftler in den Pueblos, der kulturelle Sensibilitäten nicht berücksichtigte und soziopolitische Umbrüche, die während seines Besuchs innerhalb der Pueblo-Gemeinschaften stattfanden, kaum wahrnahm, machen ihn aus heutiger Sicht auch zu einer problematischen Figur.

Für die Aufarbeitung von Warburgs Amerika-Sammlungen wurden erstmals Expert:innen aus den heutigen Pueblos einbezogen. Im Laufe dieser Gespräche mit Stewart B. Koyiyumptewa (Direktor des Hopi Cultural Preservation Office), Joseph H. Suina (Oberster War Chief von Cochiti Pueblo), Joseph R. Aguilar (Stellv. Beauftragter des Tribal Historic Preservation Office von San Ildefonso Pueblo) und anderen wurden innerhalb der Sammlung des MARKK und unter den Leihgaben aus dem Warburg Institute religiös und kulturell sensible Gegenstände, Fotografien und Dokumente identifiziert. Die dazu ausgesprochenen Empfehlungen werden sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog berücksichtigt und führen dazu, dass einige Werke, Bilder und Inhalte, auch solche, die bereits mehrfach reproduziert wurden, nur als „visuelle Leerstellen“ gezeigt werden. Damit soll dem Anliegen vieler Pueblo und Native American Nations entsprochen werden, die Deutungshoheit über die eigene Kultur nach jahrhundertelanger kolonialer Erfahrung zurückzuerlangen. Hiermit verbundene Fragen von geistigem und kulturellem Eigentum werden in der Ausstellung unter Einbezug der betroffenen Gesellschaften diskutiert. Werke zeitgenössischer Künstler:innen zeugen von der Aktualität symbolischer Kunst aus den Pueblos und thematisieren stereotype Vorstellungen.

Die Ausstellung vereint alle noch erhaltenen Bestände der Warburg-Sammlung des MARKK, die neben Beispielen der Pueblo-Kunst auch einige Objekte der Diné (Navajo) und Apache umfasst. Nicht mehr vorhandene Objekte sind durch Zeichnungen oder Fotografien der historischen Inventarkarten repräsentiert, um einen Überblick der durch Kriegsverluste reduzierten Gesamtsammlung zu gewährleisten. Leihgaben aus dem Ethnologischen Museum in Berlin sowie Fotografien, Briefe, Handskizzen, Tagebucheinträge und Reisenotizen Warburgs aus dem Warburg Institute in London ergänzen den Museumsbestand.

Laufzeit: 4. März 2022 bis 8. Januar 2023

Die Ausstellung und der Katalog wurden in enger und fachübergreifender Zusammenarbeit zwischen Christine Chávez, Kuratorin der Amerikas-Abteilung im MARKK, und Uwe Fleckner, Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg und Mitglied im Direktorium des Warburg-Hauses, erarbeitet und kuratiert. Sie findet in Kooperation mit dem Warburg Institute London statt und mit finanzieller Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Warburg-Melchior-Olearius-Stiftung, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Hermann Reemtsma-Stiftung, des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten von Amerika und der Freunde des Museums am Rothenbaum e.V.

Pressekontakt:
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Quelle: ots

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