Europäische Kulturhauptstadt: Von bekannten zu unbekannten Orten

Hamburg (ots) –

Fast vier Jahrzehnte ist es her, dass 1985 die „Kulturstadt Europas“ ausgerufen wurde. Die erste Auszeichnung dieser Art ging an Athen – keine große Überraschung, stand doch hier die Wiege der europäischen Zivilisation: Demokratie, Philosophie und Ästhetik. Auch die nächsten vier „Europäischen Kulturhauptstädte“ – so nannte man sie später – waren plausibel: Florenz, Amsterdam, West-Berlin und Paris.

1990 gab es aber eine Kulturstadt, mit der man wohl kaum gerechnet hätte: Glasgow, die damals abgehängte und teilweise heruntergekommene schottische Großstadt. Seitdem ist klar, dass es nicht darum geht, ohnehin weltbekannte Metropolen zusätzlich zu bewerben, sondern immer öfter auch darum, Städte im sozialen und kulturellen Umbruch bei ihrer Neuorientierung zu unterstützen. So werden mit der Zeit auch immer mehr kleinere und unbekanntere Orte in Szene gesetzt.

Von 2005 an hat jedes Jahr ein anderes Land das Recht, mehrere seiner Städte vorzuschlagen. Die Entscheidung trifft am Ende eine europäische Jury. Ziel ist es, den „Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Bürger Europas füreinander zu leisten“. Seit 1999 gibt es in jedem Jahr in der Regel zwei oder drei Kulturhauptstädte, im Jahr 2000 waren es sogar neun.

Trio der Kulturhauptstädte in 2022

In diesem Jahr tragen Novi Sad in Serbien, Kaunas in Litauen und Esch-sur-Alzette in Luxemburg den Titel. Die drei Städte stehen beispielhaft für die unterschiedlichen Strategien und Programme, mit denen die Auszeichnung umgesetzt werden kann. Novi Sad an der Donau inszeniert sich mit großen Events. Die Brücken der Stadt symbolisieren das Bemühen, sich als Bindeglied zwischen Serbien und der Europäischen Union zu präsentieren. Kritiker vermissen allerdings eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus und dem Jugoslawienkrieg der 1990er-Jahre.

Kaunas in Litauen stellt dagegen die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in den Vordergrund. Dabei geht es auch um die Kollaboration mit Nazi-Deutschland bei der Judenverfolgung. Spuren des jüdischen Lebens im Stadtbild werden erforscht, die europäische Identität nach Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft thematisiert.

Die luxemburgische Industriestadt Esch-sur-Alzette nimmt den Strukturwandel zur postindustriellen Gesellschaft in den Blick – so wie es schon 32 Jahre zuvor Glasgow in Schottland versucht hat.

Kultur über die Stadt hinaus

Die Würdigung als Kulturhauptstadt setzt auch international Zeichen: 2010 geht es bei der Auswahl der Europäischen Kulturhauptstadt nicht mehr nur um eine Stadt, sondern um eine ganze Region. Durchaus spektakulär war die Entscheidung für die Stadt Essen, die damit die ganze Region an der Ruhr vertrat. „Essen für das Ruhrgebiet“ hieß der Preisträger offiziell.

„Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ lautete das Leitmotiv. Ziel war es, den Reichtum und die Vielfalt der Kultur für die Stärkung der Region zu nutzen. Schon im 18. Jahrhundert wurde an der Ruhr Kohle gefördert, die sogenannte Kohlekrise zwang die Region zum tiefgreifenden Wandel, der Anfang der 1960er Jahre einsetzte: Mit dem Zechensterben gingen im Ruhrgebiet tausende Arbeitsplätze verloren. Eröffnungsfeiern auf dem Gelände von Zeche Zollverein und zahlreiche Kulturveranstaltungen in ehemaligen Industriegebäuden wie Fördertürmen, Waschkauen, Fabrikhallen, Zechen und Gasometern verweisen auf die neue kulturelle Nutzung ehemaliger industrieller Produktionsstätten als Orte der Begegnung und beliebte Touristenziele.

Kohle, Stahl und der „Mythos Ruhr“

Kohle und Stahl waren auch die politischen Bindemittel für die heutige EU, die aus der sogenannten Montanunion hervorging. Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande schlossen sich 1951 zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) zusammen, aus einstigen Feinden wurden Bündnispartner. Die Idee hatte der damalige französische Außenminister Robert Schuman, der am 9. Mai 1950 argumentierte: „Wer nicht mehr frei über Energie und Stahl verfügt, kann keinen Krieg mehr erklären.“

Gleichzeitig präsentierte die Kulturhauptstadt 2010 die Gemeinsamkeiten der europäischen Kulturen. „Mythos Ruhr“ und „Europa bewegen“ waren zwei der Leitthemen. Das Ruhrgebiet ist bis heute eine der bevölkerungsreichsten Regionen Deutschlands mit der dichtesten Theaterlandschaft Europas. Hier realisiert sich die Vision des Professor Karl Gansers, dem ehemaligen Leiter der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA), der seit den 1970er Jahren erfolgreich dafür kämpfte, die Industrieanlagen nicht abzureißen, sondern sie zu Orten historischer Erinnerung und kultureller Begegnung umzufunktionieren.

Schmelztiegel: das Ruhrgebiet und Europa

Früher war sie die größte Zentralkokerei Europas, 2001 wurde die Zeche und Kokerei Zollverein als „Industriekomplex Zeche Zollverein“ in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Neben der Villa Hügel der Familie Krupp ist das Ruhrmuseum das kulturelle Gedächtnis des Ruhrgebiets: Ein bedeutender Erinnerungsort westdeutscher Industriegeschichte, an dem anhand vieler Fotos und Ausstellungen das Leben von mehreren Generationen dokumentiert wird. Sie kamen ursprünglich als sogenannte Gastarbeiter ins Ruhrgebiet – und blieben: in den siebziger Jahren waren es vor allem Menschen aus Polen, Italien, Griechenland und dem früheren Jugoslawien, in den vergangen Jahren kamen auch viele aus Spanien, Portugal und der Türkei. Die Region zeichnet sich als Schmelztiegel, „melting pot“, vor allem durch ihre kulturelle und religiöse Vielfalt aus.

Am Beispiel des Ruhrgebiets als Kulturhauptstadt wird ein breites Kulturverständnis offenbar, das schon auf Max Weber zurückgeht, der die Soziologie als eine Kulturwissenschaft begründete. Weber definierte Kultur als „Wertbegriff“, der die „Gesamtheit aller Lebenserscheinungen und Lebensbedingungen“ umfasse. Im Zusammenspiel und Miteinander der Beziehungen manifestiert sich Kultur.

Ein Beziehungsgeflecht charakterisiert auch das Programm TWINS, das 53 Städte der Metropole Ruhr und ihre mehr als 200 Partnerstädte in ganz Europa verbindet. Und Jochen Gerz‘ Kunstprojekt „2-3 Straßen“ verschaffte 2010 dem Ruhrgebiet als Ort für Industriekultur weitere internationale Aufmerksamkeit, die bis heute andauert.

Wie geht es weiter?

Bis 2026 stehen die Europäischen Kulturhauptstädte bereits fest: 2023 sind Timisoara in Rumänien, Eleusis in Griechenland und Veszprem in Ungarn an der Reihe. Es folgen 2024 Tartu in Estland, Bad Ischl in Österreich und Bodø in Norwegen. 2025 sind Chemnitz (Deutschland) und Nova Gorica (Slowenien) dran, 2026 Oulu in Finnland und Trencin in der Slowakei.

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Quelle: ots

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